Ich lerne gerade einen Song, der fast nur aus sich wiederholenden Riffs besteht. Der Song heißt „Sharp Dressed Man“.
Warum ausgerechnet der?
Weil ich ZZ Top mag und weil Billy Gibbons klingt wie eine Wand. Groß, stark und irgendwie dreckig. Das klingt doch cool, dachte ich mir. Das mache ich jetzt.
Was lernt man am Anfang sonst so? „Nothing Else Matters“ von Metallica? Ich mag Metal, aber ausgerechnet das Stück, das vermutlich schon einmal durch jedes Wohnzimmer mit einer Gitarre darin geschlichen ist?
Oder „Sweet Child o’ Mine“? Ebenfalls stark, aber inzwischen so bekannt, dass ich sofort an jemanden denken muss, der das Intro im Gitarrenladen anspielt. Nur kurz natürlich. Lediglich die ersten Töne. Mehr braucht es für das Fremdschämen schließlich nicht.
Vielleicht tue ich dem Stück damit unrecht. Wahrscheinlich sogar.
Aber ZZ Top? Das klingt cool.
Ein Riff, vier Töne und drei Tage
Es war auch erstaunlich leicht, ein Tutorial zu „Sharp Dressed Man“ zu finden. Große und bekannte Gitarren-YouTuber haben gut zugängliche Anleitungen dazu veröffentlicht.
Das kann also nicht so schwer sein, dachte ich.
Ja, aber.
Es begann mit vier Tönen und einem Slide. Eigentlich leicht. Uneigentlich habe ich als vollkommen unerfahrener Slider drei Tage gebraucht, bis es annähernd so klang wie bei dem Typen im Video.
„Das Riff muss sitzen“, sagte er.
Also sorgte ich dafür, dass es bei mir sitzt. Ich spielte es wieder und wieder, beobachtete meine Hand und versuchte herauszufinden, wo der Slide anfangen muss, wo er enden soll und warum er bei mir gelegentlich wie ein Gegenstand klingt, der eine Treppe hinunterfällt.
Irgendwann saß das Riff einigermaßen.
Und dann kam der nächste Gitarren-YouTuber vorbei.
Nein, nein, nein, das spielt man ganz anders
Der erklärte mir, das Riff werde ganz anders gespielt. Eigentlich würden es fast alle falsch machen.
Ach wirklich?, dachte ich.
Auch der Typ mit mehr als einer Million Followern oder ungefähr so vielen?
Ja. Offenbar auch der.
Also habe ich nachgesehen. Ich suchte Videos von Billy Gibbons heraus und beobachtete möglichst genau, was er dort mit seiner Greifhand macht.
Und nichts davon sah so aus wie das, was ich gerade drei Tage lang gelernt hatte.
Na klasse.
Da hatte ich etwas gelernt, war sogar ein wenig stolz darauf und stellte anschließend fest, dass ich offenbar etwas anderes hätte lernen sollen.
Dabei wäre es mir am Anfang vollkommen egal gewesen, welche Variante ich lerne. Ich konnte weder die eine noch die andere. Dann kann ich doch gleich die richtige lernen, oder etwa nicht?
Was bedeutet hier eigentlich richtig?
Genau an dieser Stelle wird die Sache unübersichtlich.
Ist ein Riff nur dann richtig, wenn ich es mit denselben Tönen, Lagen und Bewegungen spiele wie der Gitarrist auf der Aufnahme? Oder ist es auch richtig, wenn es ähnlich klingt, sich für mich aber leichter greifen lässt?
Ein Tutorial kann mir offenbar zeigen, wie ich zu einem erkennbaren Ergebnis komme. Das bedeutet noch lange nicht, dass ich dabei genau das lerne, was Billy Gibbons spielt.
Vielleicht ist das zunächst auch gar kein Problem.
Die vereinfachte Variante hat mir immerhin etwas beigebracht. Ich musste einen Slide kontrollieren, den Rhythmus halten und vier Töne so miteinander verbinden, dass daraus langsam ein Riff wurde. Das verschwindet nicht, nur weil die Bewegung im Original anders aussieht.
Trotzdem bleibt ein kleiner Stachel.
Denn ich möchte den Song nicht nur irgendwie wiedererkennbar spielen. Mich interessiert gerade der Klang, der mich überhaupt zu ihm gebracht hat. Und wenn ein Teil dieses Klangs aus einer bestimmten Griffweise, einem besonderen Anschlag oder einer Bewegung entsteht, möchte ich das zumindest wissen.
Vielleicht liegt der Unterschied deshalb nicht zwischen richtig und falsch.
Vielleicht gibt es eine Version, mit der ich einen Song spielen lerne, und eine Version, durch die ich allmählich verstehe, wie er gemacht ist.
Das Original bleibt die Richtung
Im Moment neige ich deshalb zu einem Kompromiss.
Ein vereinfachtes Riff darf mein Einstieg sein. Es darf mir helfen, den Rhythmus, die Bewegung und den grundsätzlichen Verlauf in die Hände zu bekommen. Es ist keine verlorene Zeit, nur weil Billy Gibbons es anders spielt.
Aber das Original bleibt die Richtung.
Wenn ich eine Stelle irgendwann sicher spielen kann, möchte ich zurückgehen und genauer hinsehen. Welche Töne werden tatsächlich gespielt? Wo liegen sie auf dem Griffbrett? Welche Saiten klingen mit? Was macht die Greifhand, was macht der Anschlag und was davon sorgt für diesen großen, dreckigen Klang?
Vielleicht werde ich das Riff trotzdem nie exakt so spielen wie Billy Gibbons. Seine Hände, sein Anschlag und wahrscheinlich auch einige Jahrzehnte Vorsprung lassen sich nicht aus einem Tutorial übernehmen.
Aber ich kann entscheiden, wie genau ich hinhören möchte.
Und fürs Erste bedeutet das wohl, dass mein mühsam eingelernter Slide bleiben darf. Nur nicht unbedingt für immer.
